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Galsan Tschinag, Die graue Erde,
Roman, Insel Verlag, Frankfurt 1999, 277 Seiten, DM 36,-- ISBN 3-4581-6939-3 Die formale Vielseitigkeit des Schriftstellers Galsan Tschinag ist schon erstaunlich. Nach Erzählungen und Gedichten diesmal also ein Roman, bild- und sprachmächtig wie seine anderen Werke auch. Die Bewunderung des deutschen Lesepublikums für einen ausländischen Autor, der die ihm innewohnende dichterische Kraft in einer ihm nicht in die Wiege gelegten Sprache auszudrücken vermag, sichert ihm hohe Auflagen in renommierten deutschen und schweizer Buchverlagen. Bei seiner formalen Vielseitigkeit und Virtuosität fällt immer wieder auf, das Galsans Werke eigentlich nur um ein einziges Thema kreisen. Das ist er selbst inmitten seines tuwinischen Stammes, das ist das Land seiner Kindheit, das ist das Spannungsfeld zwischen den archaischen Wurzeln und Lebensformen, aus denen er seine eigentümliche Kraft bezieht, einerseits und der Konfrontation mit der Moderne unter den besonderen sozialistisch-mongolischen Bedingungen andererseits. "Die graue Erde" ist quasi Fortsetzung und Gegenstück zum früher erschienenen "Blauen Himmel". Der Roman schildert die Entwicklung des Kindes Dshurukuwaa, das eines Tages aus dem wärmenden Schoß der Ail-Familie gerissen und in die Schule der Kreisstadt gebracht wird, wo er "modernes" Wissen erwerben soll. Die Verstörung des Kindes, das sich eigentlich zum Schamanen berufen fühlt, ist total. Zeitweilig recht brutal wird es von den Protagonisten der herrschenden Partei - den Lehrern seiner Schule und dem Kreisparteisekretär - in ein System gezwängt, das die Gottheiten und Geistwesen, welche nach Vorstellung der Nomaden Berge, Flüsse und Steppen beseelen, als Auswüchse des Aberglaubens bekämpft. Am Ende lebt das Kind in beiden Welten. Angepaßt an die sozialen Zwänge seiner neuen Umgebung und begabt genug für den Aufbruch in die Welt des Wissens, wendet es sich zugleich mit geschärftem Bewusstsein jener anderen Seite in sich selbst zu, der hellseherischen und heilenden Kraft des Schamanen. Galsans Vorzug ist, dass er mit einem solchen Thema aus einer für das deutsche Lesepublikum doch sehr fernen Welt zugleich eine Modeströmung trifft. Dies sichert ihm den literarischen Erfolg. Doch langsam müssten sich eigentlich auch die Verlagslektoren die Frage stellen, ob ein Land mit einer jahrhundertealten Erzähltradition wie die Mongolei nicht noch mehr als nur einen begabten zeitgenössischen Autor hat. Trotz Galsan Tschinag ist das Literaturland Mongolei hierzulande noch weitgehend unerschlossen. (Doris Götting)
Selten dürfte man ein Buch wie dieses finden, das das Leben und Denken eines nomadischen Volkes - hier der Tuwa im mongolischen Altai - so in seiner Breite und Tiefe und dazu noch kurzweilig-verständlich darstellt. Das ist dadurch möglich geworden, daß die Ethnologin Amélie Schenk den tuwinischen Dichter, Schriftsteller - und dazu noch Stammesoberhaupt - Galsan Tschinag über sich und sein Volk sprechen läßt. Diese Methode ist umso ertragreicher, als Galsan zu den Mongolen gehört, die im "preußisch-sächsischen Deutschland" Deutsch gelernt haben und der Deutsch zu seiner "intellektuellen Sprache" gemacht hat. So wurde Galsan Tschinag zu einem erfolgreichen, deutsch-schreibenden mongolischen Schriftsteller. Aus der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Galsan Tschinag und Amélie Schenk entstand eine Völkerkunde eigener Art - unkonventionell gewiß, dafür aber eingängig und enorm lehrreich - über die Tuwa, ihre nomadische Welt und über den Wandel, dem sie kaum ausweichen können. Der Umstand, daß sich Galsan im deutsch-europäischen Kulturkreis gut auskennt, hilft, vieles, etwa die Bedeuung von Sprüchen und Redensarten dem Leser durch sinngerechte Übertragung verständlich zu machen. Vergleiche mit Wesensart und Verhaltensweise der Deutschen ist meist amüsant, nicht selten auch beschämend. (Wolf Donner)
Galsan Tschinag: Alle Pfade um deine Jurte. Gedichte", Waldgut Verlag, Frauenfeld, limitierte, von Gestalter und Drucker signierte Auflage 1995, 2.Auflage 1996, 45 Seiten Der bekannte tuwinisch-mongolische Erzähler, der seine ersten Texte in deutscher Sprache publizierte und dafür 1992 mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet wurde, stellt sich hier mit seiner Lyrik vor. In ihrer Bildkräftigkeit und poetischen Schönheit stehen die Gedichte der Prosa in nichts nach. Im Gegenteil: seine frühen kurzen Prosastücke aus den "Tuwinischen Geschichten" mit ihrer rhythmischen Sprache waren nichts anderes als dichertische Gesänge. Die in "Alle Pfade um deine Jurte" versammelten Gedichte sprechen ein "lyrisches Du" an. Es sind Liebesgedichte, die den Bogen schlagen von sehnsüchtiger Erwartung über das Wiedersehen bis zur schmerzhaften Trennung. Die Natur - die Steppen der tuwinischen Heimat Galsans - dient dabei nicht als Kulisse einer Liebesbegegnung. Sie spiegelt vielmehr die wechselnden Stimmungen in einer Beziehung. Und so manches Mal scheines beide eins zu sein: die Geliebte ist die Natur, und die Natur ist die Geliebte - wie in dem folgenden Gedicht:
Erst gegen Ende dieser hymnisch zu nennenden Gesänge, in dem Gedicht "Ufer" wird klar, wem sie gewidmet sind: seiner Mutter. (Doris Götting)
Vom Umfang her eher eine Erzählung ist dieser stark autobiografisch gefärbte Roman. Es ist ein karges, von Entbehrungen gezeichnetes Leben, das die Menschen in Galsans tuwinischer Heimat führen müssen - ein Leben, das sich um das Wohl der Tiere dreht, mit denen auch er aufgewachsen ist. Der blaue Himmel ist das, was nach einem tief ins Frühjahr hineinreichenden Schneewinter herbeigesehnt, geradezu beschworen wird. Denn die bereits geborenen Lämmer drohen zu sterben, weil ihnen die Mutterschafe die Milch verweigern. Und schließlich bricht nach einer weiteren Schneenacht am Morgen die Sonne durch. "Der blaue Himmel" ist auch eine Geschichte der Überforderung des Ich-Erzählers, der in diesem harten Winter für Drei arbeiten muss, weil zwei der Geschwister in die Schule im Sum-Zentrum gegeben wurden. Erst verliert er die Großmutter, eigentlich eine Nachbarin, die in den Ail der Eltern aufgenommen wurde. Dann verliert er den Hund, seinen treuen Begleiter beim Hüten der Schafe. Und als er von den Eltern auch noch für den Tod des Tieres verantwortlich gemacht und bestraft wird, bricht aus ihm die ganze Erbitterung heraus. Der Junge verflucht "Gök-Deeri", den "Blauen Himmel" und damit die höchste Gottheit, die über Wohl und Wehe von Tier und Mensch wacht. Und auch, als der Roman schon endet, "brüllte und bockte ich weiter". Eine Geschichte, die offenbleibt und der Fortsetzung harrt, da Galsans Dichterleben immer um dasselbe Thema kreist. (Doris Götting)
Walther Heissig und Rüdiger Schott (Hrsg.), "Die heutige Bedeutung oraler Tradition. Ihre Archivierung, Publikation und Index-Erschließung". Abhandlungen der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften, Nr.102. Westdeutscher Verlag, Opladen 1998, 384 S., 3 Abb., ISBN 3-531-05123-7 Auch für den Nichtspezialisten ist es interessant, in dem vorliegenden Band Walther Heissigs Beitrag "Die Erschließung mongolischer Epen durch Motiv-Indices" zu lesen. Er macht deutlich, warum der Verfasser der Behauptung, diese seien bereits wohl dokumentiert, nicht folgt. Index-Erschließung erweist sich hier als ein weites, um nicht zu sagen uferloses Unterfangen, das sich zwischen Brautfahrt, Heldenepik und Dämonenkämpfen bewegt - und an dem sich schon andere Autoren versucht haben. Heissigs 14 Untergruppen, wiederum unterteilt in 270 Strukturelemente, die bei Bedarf jederzeit zu vermehren sind, machen das hinreichend deutlich. Die Lektüre dieses Beitrags mit zahlreichen wertvollen Literaturhinweisen gibt einen konzentrierten Einblick in die (alt)mongolische Geisteswelt, ihre Komplexität und das Problem ihrer Indizierung nach Motiven, an der glücklicherweise auch mehr und mehr mongolische Forscher mitarbeiten. Im Ganzen wird aus den vorgelegten Beiträgen die Mühe deutlich, die eine Erschließung der oralen Tradition macht, worüber Informanten ebenso wie Forscher hinwegsterben können. Das zeigt, dass es höchste Zeit ist, dieses den meisten verborgene Gebiet der menschlichen Kultur schnell und nachhaltig aufzunehmen und zu sichern. (Wolf Donner) "In geheimer Mission durch die Wüste Gobi" (Roman), 780 Seiten "Fremde auf dem Pfad der Nachdenklichkeit" (Roman, identisch mit: "Das Tal ohne Wiederkehr"), 304 Seiten "Kleine mongolische Heimlichkeiten" (Erzählungen), 144 Seiten "Tausendjähriger Bambus" (Gedichte), 104 Seiten "Nuni" (illustriert von Rotraud Berner), 144 Seiten alle im Verlag LIBELLE, Lengwil (Schweiz) Etliche Autoren, mehrere Orientalisten und speziell einige Mongolisten wurden durch seine Bücher zum Lesen, Schreiben und sogar zum Erlernen exotischer Sprachen angeregt: Fritz Mühlenweg, der Ende der zwanziger Jahre mit Sven Hedin (im Auftrag der Lufthansa) durch die Gobi reiste und, wie seinen Aufzeichnungen zu entnehmen ist, wohl als einziger der Herrenmenschen und Herrenreiter genug Interesse für seine Umgebung aufbrachte, um Mongolisch zu lernen. Aus Erlebtem, Gehörtem und Erdachtem fügte er später die Geschichten zusammen, die ihm in den Fünfzigern Ruhm, treue Leser und Auszeichnungen wie den Gerstäcker-Preis eintrugen: "Großer Tiger und Christian", "Null Uhr fünf in Urumtschi" (beide zusammen in: "In geheimer Mission durch die Wüste Gobi"), "Das Tal ohne Wiederkehr" und andere. Nach seinem Tod (1961) ging man mit Mühlenwegs Büchern nicht eben pfleglich um. Sie wurden zum Teil brutal gekürzt, einiges war jahrzehntelang vergriffen. Seit einiger Zeit gibt es nun den ungekürzten Mühlenweg in liebevoll ausgestatteten Bänden wieder zu kaufen und zu lesen: für alle, denen ein Weihnachtsfest pro Jahr nicht reicht, um sich in Büchern zu suhlen. (Gisbert Haefs)
Wilhelm Gruber "Lauf, Tachi!", "Sansibar" Unionsverlag TB Nr.1021, Zürich 1998, 135 Seiten Dies ist ein Mongolei-Buch für Kinder! Es schildert die Abenteuer des kleinen Nomadenjungen Sükhe mit seinem Wildpferd-Fohlen, das - obwohl dies nicht erlaubt ist - von einem Onkel eingefangen wurde. Ähnlich wie in Saint Exupérys altkluger Geschichte von der Freundschaft des Kleinen Prinzen mit dem Fuchs, wächst die Freundschaft zwischen dem Nomadenjungen und dem Pferdchen dadurch, daß er es zähmt und sich vertraut macht. Nur fehlen in Grubers wunderbarer Erzählung, die gleichzeitig eine Hommage an die Tachi - die Przewalski-Pferde - ist, jegliche märchenhafte Anklänge an sprechende Tiere, Vulkane, die gefegt und launische Rosen, die gehegt werden müssen. Die Geschichte spielt vor dem realen Hintergrund des Nomadenalltags in der mongolischen Steppe, und es ist dem Autor gelungen, die mongolischen Lebensverhältnisse authentisch zu schildern. Realistisch klingt auch der Schluß: als das schon fast gezähmte Fohlen eines Tages Witterung zu einer Wildpferdherde aufnimmt und sie als Artgenossen wiedererkennt, rennt es auf Nimmerwiedersehen davon. Und der kleine Sükhe lernt eine andere Treue schätzen: die seines alten braven Reitpferdes, das er, solange das wilde Fohlen da war, vernachlässigt hatte. Das mit einigen fotografisch wirkenden Grau-Weiß-Illustrationen ausgestattete Büchlein, das vor einigen Jahren schon einmal vom Sauerländer Verlag auf den Markt gebracht worden war, enthält in seinem Anhang einen Beitrag über die Bemühungen europäischer Zoos, das in der Mongolei längst ausgestorbene Urwildpferd wieder in seiner alten Heimat anzusiedeln und ein Verzeichnis mit gut verständlichen Erläuterungen der wichtigsten in der Erzählung vorkommenden mongolischen Begriffe. (Doris Götting )
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